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Stefanie Weber

"Tschick" als Bildungsroman? Eine Analyse von Wolfgang Herrndorfs Meisterstück


2016. 32 S. 220 mm
Verlag/Jahr: BACHELOR + MASTER PUBLISHING 2016
ISBN: 3-9599302-0-8 (3959930208)
Neue ISBN: 978-3-9599302-0-8 (9783959930208)

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Wolfgang Herrndorfs Meisterwerk "Tschick" ist nach dem Tod des Autors nicht nur in aller Munde, sondern wird nun auch verfilmt. Auch wenn sich das Potential eines solch prägnanten Werkes nicht hinreichend auf so wenigen Seiten erfassen lässt, bietet diese Arbeit eine Analyse desselbigen im Hinblick auf seine mögliche Lesart als Bildungsroman. Hierzu ist ebenfalls zunächst eine kurze Analyse der Gattung des Bildungsromans und den damit im Zusammenhang stehenden prägnantesten Motiviken gegeben.
Textprobe:
Kapitel 2, Der deutsche Bildungsroman:
Der Begriff Bildungsroman lässt sich nur recht diffus definieren:
Der Typus des Bildungsromans entstand in Deutschland gegen Ende des 18. Jh. und thematisierte i.d.R. den Bildungs- und Werdegang "eines jugendlichen Protagonisten zumeist von der Kindheit bis zur Berufsfindung" (Gutjahr 2007, S.07). Einer der ersten Bildungsromane seiner Zeit und der wohl bekannteste seiner Art ist Johann Wolfgang von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, der laut Kohn gleichsam als "Ausgangspunkt des ´Bildungsromans´ schlechthin und, was noch schwerer wiegt, [...] [als] Maßstab und grundlegende[...][s] Paradigma dafür, was in seiner Folgezeit als ´Bildungsroman´ bezeichnet werden kann und was nicht" (Tiefenbacher 1982, S.12). Zwar werden auch moderne Bildungsromane oft (wenn nicht gar immer) mit ihrem "Vorläufer" Wilhelm Meister verglichen, doch hat sich sich die Definition des Bildungsromans im Laufe der Zeit modifiziert:
"Goethes Werk zeigt menschliche Ausbildung in verschiedenen Stufen", wie es der initialen Definition als Roman, "dem es ´auf allgemeine, reinmenschliche Bildung´ ankommt" und der "des Helden Bildung in ihrem Anfang und Fortgang bis zu einer gewissen Stufe der Vollendung darstellt" und somit zugleich "des Lesers Bildung in weiterm [!] Umfange als jede andere Art des Romans, fördert" - so Morgenstern -, entspricht (Kohn 1969, S.01-05). Das Hauptaugenmerk lag also bereits hier schon auf der inwendigen Geschichte der Heldenfigur, die sich quasi als modernere Figur einer Art neuen Rittertums - so Hegel - in verschiedenen Situationen, Stufen und Lebenslagen beweisen muss (Selbmann 1994, S.07-14).
"Gattungstypologischer Kern" war - und ist in diesem Sinne immer noch - "die Entwicklungsgeschichte" des "Protagonisten bis ins Erwachsenenalter [...] als Weg der Selbstfindung und zugleich sozialen Integration [...] über Konflikt- und Krisenerfahrungen", wobei der Protagonist eine "Abfolge von Bildungssituationen" durchläuft, indem er sein Können und Talent "unter Beweis [...]stellt und die Realisierungsmöglichkeit von Lebensplänen [...]prüft", während er "Selbstreflexions- und Reifungsprozess[e]" durchlebt, d.h., der Begriff Bildungsroman meint in diesem Sinne die Darstellung des Prozesses der "Reifung eines Protagonisten, der in spannungsvoller Auseinandersetzung mit sozialen Ordnungen und der natürlichen Umwelt das Ziel verfolgt, eine seinen Wünschen angemessene und zugleich gesellschaftlich kompatible Lebensform zu finden" (Gutjahr 2007, S.08). Insofern thematisiert der Bildungsroman das Bestreben nach Bildung und Identitätsfindung im Reifungsprozess des Älterwerdens und der Suche nach einem Lebenssinn. Zu beachten ist auch, dass der Protagonist meist männlich ist (Vgl.: Ebd.).
Neben der allgemeinen Handlung des Romans spielt also immer auch die Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung des Protagonisten eine Rolle sowie auch alle sich darauf auswirkenden Faktoren. In diesem Zusammenhang sind auch typische Motive des Bildungsromans zu nennen, wie bspw. das Reisemotiv - und in diesem Konnex auch das Aufeinandertreffen und die Kontroverse mit anderen Figuren - und das Erleben von Abenteuern (Vgl.: Ebd, S.42f). Auf Grund dessen, dass der Bildungsroman die Geschichte eines Protagonisten, der nach Dilthey "in das Leben tritt", sich stets auf der Suche nach divergenten Gegebenheiten (Liebe, Freundschaft, Lebenssinn, etc.) befindet und dabei mit der Welt konfrontiert wird "und so unter mannigfachen Lebenserfahrungen heranreift und sich selber und seiner Aufgabe in der Welt" gewiss zu werden vermag, thematisiert, sind ebenfalls Thematiken wie Dissensen mit dem Elternhaus und Erziehungsinstitutionen, erwachende Sexualität und (erste) erotische Erfahrungen, Situationen der "Selbsterprobung" in divergierenden Situationen und gegebenenfalls "auch der Kontakt zum öffentlich-politischen Leben", oftmals im Bildungsroman zu finden (Ebd., S.45f).